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Leseprobe "Morbid Killer"  

(Lesen auf eigene Gefahr!)


1 – Disemboweled (Ausgeweidet)

<Sonntag, 24. November 2002 – 3:24 a. m.>
    Außerhalb der Stadt Atlanta drang laute Musik aus einer heruntergekommenen Lagerhalle, die seit Jahren auf ihren Abriß wartete. Kein Mensch war in der Nähe, der sich an dem Lärm hätte stören können, und niemand bemerkte, was in dieser Nacht auf dem alten Fabrikgelände vor sich ging.
    Ein vermummter Mann kramte in seiner Tasche, während er den Kopf zur Musik auf und ab bewegte. Mit blutverschmierten Handschuhen zog er ein Seil heraus und wickelte es in aller Ruhe auf. Als der Song zu Ende war, drehte er sich um und drückte zum wiederholten Male auf die »previous«-Taste, worauf der Titel von vorn zu spielen begann.
    Etwas abseits des Mannes lag eine blutüberströmte Leiche auf dem schmutzigen Boden. Der Leib war mithilfe eines Skalpells von der Kehle bis zum Unterleib aufgeschnitten und der Großteil der Eingeweide herausgerißen worden. Die inneren Organe waren in einer Plastiktüte verpackt und lagen neben dem Toten.
    Mit einem dicken Seil in den Händen begab sich der schwarzgekleidete Mann zu seinem Opfer. Gemächlich kniete er sich neben den Toten und begutachtete eine Zeit lang sein Werk. Es befriedigte ihn, den leblosen Körper vor sich zu sehen und zu wißen, daß er soeben seinen ersten Mord begangen hatte, und niemand würde ihn verdächtigen. Noch immer spürte er die Macht in sich, über Leben und Tod eines unschuldigen Mannes bestimmt zu haben. Mit diesen Gedanken band er die Füße der Leiche zusammen. Anschließend drehte er sein Opfer auf die Seite und verknotete die Fußfeßel an den Handgelenken, sodaß der offene Leib nach außen zeigte.
    Als das erledigt war, betätigte der Mörder erneut den »previous«-Knopf auf dem CD-Player und nahm dann die Steuerung des Schwebekrans in die Hand, um den pendelnden Haken über sein Opfer zu führen. Die Schienen waren eingerostet, und als er den Kran bediente, quietschte es ohrenbetäubend. Eine Zeit lang geschah auch nicht mehr als das, ehe sich das schwere Gerät endlich in Bewegung setzte und langsam in Richtung des Täters rollte. Mit einem Druck auf den zweiten Knopf auf der Steuerung senkte sich der Haken, und der Mann konnte diesen an dem Seil zwischen den Händen und Füßen des Opfers fixieren. Zum Schluß nahm er die Plastiktüte mit den Innereien und befestigte sie ebenfalls an dem Haken.
    Ein weiteres Mal griff er nach der Steuerung und hob mit dem Kran die Leiche langsam nach oben bis sie in dreizehn Fuß Höhe über dem Boden hing. Dabei rutschten die Reste der abgetrennten Gedärme heraus und baumelten aus dem geöffneten Leib. Das wenige Blut, welches sich noch in dem toten Körper befand, tropfte auf den kalten Steinboden der Fabrik. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich eine Lache unter dem erst zwanzigjährigen Ermordeten gesammelt. Neben dieser Lache zeichnete der Täter mit Kreide einen Buchstaben auf den Boden. Anschließend verwischte er ungestört die Spuren, packte danach den CD-Player in seine Tasche und lief gleichgültig aus der Lagerhalle zu dem erst vor ein paar Stunden zuvor gestohlenen Auto. Gut gelaunt und unbefangen startete er den Motor und verschwand in die Nacht.

<Sonntag, 24. November 2002 – 10:00 p. m.>
    Harte und durchdringend tiefe Heavy Metal-Klänge hämmerten gnadenlos durch das Studio einer Underground-Radiostation in den Pine Hills in Orlando, Florida. Wie jeden Abend ab zehn konnte jeder begeisterte Metalfan alten und neuen Songs aus den unterschiedlichsten Bereichen der Szene lauschen. Der Moderator lockte seine Zuhörer einmal pro Woche mit einem Special vor die Radioempfänger.
    »Heavy Morning, ihr feierwütigen Metalheads dort draußen! Hier ist wieder die Bloody Slime-Show mit eurem DJ Napalm, wie jede Nacht auf 94.7 FM. Unser heutiger Einsteiger war Disemboweled aus dem erst kürzlich erschienen Album 13 Ways To Perish der Lokalheroen von Morbid Killer... Für alle, die keinen Kalender zuhause haben, es ist wieder Sonntag, und wie an jedem Sonntag habe ich auch in dieser Nacht etwas Besonderes für euch. Mir gegenüber sitzt Morbid Killer-Sänger und Songwriter Vile Parasite aus dem schönen Miami.« Der DJ warf einen Blick zu dem auf der anderen Seite des Bedienpultes lungernden Musikers und machte eine verbeugende Bewegung, ehe er weiter in das Mikrofon grölte: »Gerade von ihrem Gig in Atlanta, Georgia, zurück, hat sich Vile vor der Show morgen Abend im Overdose-Club die Zeit genommen, mir im Laufe der Sendung Frage und Antwort zu stehen. Außerdem habt ihr die Möglichkeit, mit einem Anruf euren Wißensdurst zu stillen, und natürlich werden wir uns weitere Songs der neuen Scheibe reinziehen. Aber jetzt gibt es erst einmal mit Spirit Crusher der Band Death ordentlich was auf die Lauscher. Danach geht es zurück zu Vile Parasite und Morbid Killer.«
    Damit schob DJ Napalm den Lautstärkeregler nach oben und bescherte seinen Zuhörern einen weiteren Death Metal Song, während er die Kopfhörer beiseitelegte und in dem riesigen CD-Regal nach dem nächsten Stück fahndete.
    Unterdeßen saß sein Gast, zur Musik nickend, im Stuhl und lauschte den ruppigen Riffs und dem Growl-Gesang von Death. Diese Band gehörte zu denjenigen, die den Death Metal in den Vereinigten Staaten bekannt und populär gemacht hatten. Vile – mit bürgerlichem Namen David Warren – hatte die Gruppe seit ihrer Gründung bewundert. Sie waren eine der Vorbilder, nach denen er zusammen mit seinem College-Freund Derek Thompson – beßer bekannt als Therror – die Band Morbid Killer gründete.

    In diesem Moment dachte er an das Ende der Achtziger, als er und Gitarrist Therror sich nach weiteren Bandmitgliedern umsahen. Mit Baßist Sanatory und Drummer Suicide Bomber wurden sie fündig. Somit war die neu erschaffene Death Metal Band komplett. Im Keller des Gitarristen hatte sich die Truppe einen mehr oder weniger geeigneten Proberaum eingerichtet, und sie konnten mit dem Songwriting und dem Proben sofort loslegen.
    Nach den ersten Auftritten in und um Miami hatte sich um die Band bereits eine kleine Fangemeinde aufgebaut. Dadurch ermutigt, produzierten sie in Eigenregie ihr Demo-Tape Mayflower In Cape Cod und verkauften die ersten Bänder über den arbeitslosen Promoter und zugleich Baßisten der Band. Mit der Demo schlugen Morbid Killer im Untergrund ein wie eine Bombe. Innerhalb kürzester Zeit wurde der 5-Tracker von Club zu Club in ganz Florida weitergereicht. Dadurch wurde eine Plattenfirma auf die Band aufmerksam und bot ihnen Anfang 1990 einen Vertrag an. Bei diesem Gedanken lächelte Vile, denn kaum ein Jahr darauf wurde ihre erste Platte unter dem Namen Morbid Killer in den gesamten Vereinigten Staaten auf den Markt gebracht.
    Mit dieser Veröffentlichung und den zumeist positiven Rezensionen der Metal-Medien wurde die Band zu einem hochgehandelten Act auf den Bühnen in den USA und sogar in Kanada. Es folgte eine ausgedehnte Tour, auf der Morbid Killer eine gesunde Fanbasis aufbauen konnte.
    Die Band geriet jedoch mehrfach in Kritik, besonders die christlichen Medien verurteilten sie scharf – in der Metal-Szene blieben sie allerdings gefeierte Helden. Gründe der allgemeinen Kritik waren die recht gewaltverherrlichenden und pornografischen Texte, aber auch ihre öffentlichen Darbietungen. Vor jedem Auftritt bepinselten sich die Mitglieder der Band mit Schweineblut – eines ihrer Erkennungszeichen. Während der Show inszenierten sie unter anderem blutige Hinrichtungen und Sexualpraktiken aus dem Bondage- & SM-Bereich. Weiterhin wurden den Fans abseits der Bühne »Band-Extras« angeboten. Darunter zählten Tätowierungen, Piercings oder Skarifizierungen. Vorwiegend letzteres erregte immer wieder die Gemüter, denn bei dieser Methode wurden mittels eines Skalpells Umriße in die Haut geschnitten und anschließend die obere Hautschicht abgezogen.
    Nachdem mit ein wenig Verzögerung das Folgealbum Lunatic Domination in den USA, in weiten Teilen Europas und sogar in Japan veröffentlicht war, brach die Band erstmals nach Europa auf, um auch dort Fans mit ihrer bizarren Show in Erregung zu versetzen. Bei Auftritten auf Festivals verzichteten die Jungs von Morbid Killer jedoch auf die extravaganten Einlagen. Mitte 1994 wurden sie in einigen Clubs in Japan gebucht, worauf einige Monate später eine Sonderedition ihres Debüt-Albums Morbid Killer auf den japanischen Markt gebracht wurde.
    Die Band war auf dem Erfolgstrip, und nichts schien sie aufhalten zu können. Das bewiesen die folgenden vier Jahre, in denen zwei weitere Studioalben namens Suicidal Machine und Immortal Souls veröffentlicht wurden. Wehmut stieg in Vile auf, als er an Baßist Sanatory dachte, der während den Aufnahmen zu ihrem fünften Album an einer Überdosis Kokain verstarb. Daraufhin verschwand die Truppe zunächst von der Bildfläche, der Verkauf ihrer Platten stieg mit seinem Tod jedoch weiter an, und sie erhielten im Jahr darauf Gold. Später stieg zu allem Unglück auch noch Drummer Suicide Bomber wegen seelischer Probleme aus der Band aus und begab sich in psychiatrische Behandlung. Zum Gedenken an die beiden Bandmitglieder, entschieden sich Morbid Killer für die Veröffentlichung des Live-Albums Road To Death – live, welches auf der zweiten Asien-Tour in Bangkok 1998 aufgezeichnet wurde. Dann war es eine Zeit lang still.
    Ein Lebenszeichen der verbliebenen Gründungsmitglieder Vile Parasite und Therror gab es erst wieder im Januar 2001. Mit Drummer Skull und dem Baßisten Bonesmasher wurde Morbid Killer wieder komplettiert und mit der 5-Track-EP Vengeance in der Tasche das neue Line-Up auf einer siebentägigen Tour innerhalb der Staaten gleich live getestet. Der noch düstere Sound des ohnehin schon dunklen Death Metals des Vierers kam bei den meisten ihrer alten Fans gut an, und sie gewannen weitere Metalherzen für sich. Doch die Medienwelt wartete auf das längst überfällige fünfte Studioalbum.
    Schließlich war es vor Kurzem soweit, und die seit über vier Jahren geplante Scheibe 13 Ways To Perish erschien weltweit in den Plattenläden. Allerdings waren die Reaktionen alles andere als erhofft. Das neue Album enttäuschte viele Experten und Fans. Ihre Musik hatte im Gegensatz zu den vorhergehenden Platten und der letzten EP einiges an Geschwindigkeit verloren, dafür mischten sich für den wahren Morbid Killer-Fan zu viele Einflüße aus anderen Genres hinein. In der Szene galt die Scheibe als Absteiger des Jahres, und Morbid Killer kamen ins Straucheln, was Vile unter anderem in das Underground-Studio in Orlando brachte.

    »Hier bin ich wieder mit Bloody Slime, DEM Sonntag-Nacht Programm auf eurem Lieblingßender. Gerade gehört: Suicide Machine von Death. Gepriesen sei der Godfather of Death Metal, Chuck Schuldiner. Rest in Peace, alter Knabe! Aber nun zurück zu meinem heutigen Studiogast, dem Morbid Killer-Sänger Vile Parasite. Willkommen in meinem Underground-Studio, und vielen Dank für dein Erscheinen, Vile!«
    »Ich danke für die Einladung«, gab Vile mit seiner tiefen Baßstimme knapp zurück.
    »Du bist heute hier, um mir und den Zuhörern dort draußen ein paar Fragen zu beantworten, vor allem zu eurer neuen Scheibe 13 Ways To Perish. Dann wollen wir gleich loslegen ... Die Kritiken waren zum ersten Mal – wenn ich es so ausdrücken darf – grottenschlecht, und auch die Reaktionen der Fans fielen größtenteils recht negativ aus. In einigen Foren habe ich Beschwerden gelesen, daß sich euer Stil seit der vor über einem Jahr erschienenen EP Vengeance deutlich an Pep verloren hat. Viele vermißen die druckvollen Paßagen mit zackigen Riffs und das dynamische Doublebase-Geleit. Dafür schleichen sich mehr und mehr Einflüße aus dem Doom Metal und sogar Industrial- und Electro-Elemente ein. Willst du dazu ein Statement abgeben?«
    Vile richtete sich langsam auf und beugte sich zu dem Mikrofon vor ihm. Dabei konnte DJ Napalm erkennen, daß der Sänger nicht ganz nüchtern zu dem Interview erschienen war.
    »Wir haben einige der Kritiken gelesen«, gab er zögerlich zu. »Das hauptsächliche Problem war, daß wir die Aufnahmen noch mit dem alten Line-Up begonnen hatten. Da wir aber aus gewißen Umständen, die jedem bekannt sein dürften, das Recording abbrechen mußten und sie erst Jahre später wieder in Angriff nahmen, waren – vor allem mir und Therror – von Vornherein klar, daß wir aufgrund dieser Begebenheiten vorerst nicht an unserer alten Linie festhalten würden. Da die Songs aber bereits geschrieben waren, haben wir mit den neuen Mitgliedern ein wenig experimentiert. Das Ergebnis hörte sich für uns ziemlich gut an, und es war auch eine gewiße Herausforderung, andere Seiten an uns zu entdecken. Darum machen wir schließlich Musik. So war das von Anfang an. Wer damit nicht klarkommt, dem können wir nicht helfen.«
    »Hartes Statement«, bemerkte DJ Napalm, worauf Vile kurz auflachte.
    »So war das nicht gemeint. Uns ist nicht egal, was unsere Fans von uns halten. Letztlich waren sie es, die uns in all den Jahren diesen Erfolg beschert hatten. Dafür sind wir ihnen auch alle dankbar. Aber zunächst wollen wir unser neues Album promoten, bevor wir uns dann im Studio verbarrikadieren, um an neuen Songs zu arbeiten. Wir haben bereits einige Ideen im Kopf, die unseren Fans und sicherlich auch den Kritikern wieder beßer zugetan sein dürften. Soviel darf ich verraten.«
    »Uh, das klingt sehr geheimnisvoll«, meinte der DJ ironisch. »Wir dürfen gespannt sein. Doch nun einmal kurz zu den Lyrics auf der Platte. Dieser Linie seid ihr nahezu treu geblieben. In Songs wie Satanic Rite oder Metal To Death beschreibt ihr auf – ich nenne es mal – eindrucksvolle Weise gräuliche Mordszenarien mit jeder Menge Blut. Viele Kritiker sind der Ansicht, daß ihr es mit den zum Großteil abscheulichen Darstellungen etwas übertreibt. Wieder wird überlegt, ob dieses Album auf den Index soll oder nicht.«
    »Das ist Humbug!«, wehrte Vile ab.
    »Verstehe. Warum ist das deiner Meinung nach Humbug?«
    »Therror und ich schreiben Songs, um Aggreßionen, Enttäuschungen und Streß abzubauen. Damit schaden wir niemandem. Außerdem fordern wir keinen heraus, die Songs nachzustellen. Bislang sind wir mit dieser Schiene recht gut gefahren, und ich sehe keinen Grund, warum wir das ändern sollten.«
    »Wahre Worte!«, gab der DJ anerkennend zurück. »Kleine Unterbrechung, bevor es mit Vile Parasite weitergeht. Danach habt ihr die Möglichkeit, bei mir im Studio anzurufen, um eure Fragen loszuwerden, oder ihr schickt eine Mail an die euch bekannte Adreße. Aber zuerst laßen wir eure Trommelfelle mit einem weiteren Song aus dem neuesten Morbid Killer-Album schwingen. Hier, für euch: Serial Killer On Rampage. Metaaaaal!«
    Kaum waren die Lautstärkeregler aufgedreht, klingelte das Telefon im Studio, und der erste Anrufer hing in der Leitung. Er mußte sich allerdings noch ein wenig gedulden. Vile bereitete sich in der Zwischenzeit darauf vor, unter anderem stumpfsinnige Fragen zu beantworten. Aber das gehörte nun einmal zu seinem Job.
    »Schon sind wir wieder zurück«, rief der DJ gutgelaunt in das Mikrofon. »Wir haben auch gleich unseren ersten Anrufer. In der Leitung ist Mike. Hallo Mike! Wie lautet deine Frage an Vile?«
    »Hi, Vile!«, meldete sich der Fan etwas zögerlich. »Ich hätte gerne gewußt, warum ihr euch jetzt mit Filmblut anmalt, anstatt – wie früher – mit Schweineblut.«
    Vile mußte lächeln, denn die Geschichte war für sein Verständnis völlig absurd.
    »Hallo Mike. Ich danke dir für deine Frage. Uns wurde kürzlich per Gericht verboten, Schweineblut öffentlich zur Schau zu tragen, da es den guten Sitten widerspräche. Bei einem Verstoß müßten wir mit einer ziemlich hohen Geldstrafe rechnen. Darauf können wir verzichten. Ist deine Frage damit beantwortet?«
    »Klar. Danke, Vile. Nur noch eines: Ich finde euch nach wie vor absolut spitze. Macht weiter so!«
    »Danke, Mann! You rock!«, gab Vile schmunzelnd zurück, dann legte DJ Napalm auf.
    »So, so. Unsere guten Sitten also«, bemerkte der DJ ironisch, ehe er zur nächsten Frage überging. »Wir haben auch jede Menge Emails erhalten. Vielen Dank an alle dort draußen in der finsteren Nacht. Ich finde diese hier sehr intereßant ... Hallo Vile. Wie kommt ihr eigentlich immer auf eure abgefahrenen Texte in den Songs? Gruß, Mr. X ... Mr. X? Immer wieder was Neues. Ja, was sagst du dazu, Vile?«
    »In erster Linie schreiben Therror und ich die Texte. Wie bereits gesagt, bauen wir darin zum größten Teil unsere Aggreßionen ab und laßen unserer Kreativität freien Lauf. Das funktioniert so ähnlich wie das Schreiben von Horrorromanen und Ähnlichem. Die Autoren haben das, was sie schreiben wohl kaum erlebt, noch träumen sie davon, die Geschichten wahr werden zu laßen. Es ist eine Art, unter anderem mit sich selbst ins Reine zu kommen, und wir intereßieren uns eher für düstere Geschehniße, sowie für andere eine Welt ohne Drachen und fantastischen Helden unvorstellbar wäre. So einfach ist das.«
    »Mh, verstehe! Wollen wir das Ganze nicht noch vertiefen, sondern gehen wir gleich weiter zum nächsten Anrufer. Jonathan, welche Frage hast du für Vile?«
    »Ich bin Pater Jonathan. Ihr solltet nur wißen, daß die sogenannte Musik dieser Gruppe von Satan selbst stammt. Der Herr sei ihnen gnädig, daß sie bald auf den Pfad der Tugend zurückfinden...«
    Während der Priester zusätzlich ein paar Zeilen aus der Bibel vorlas, verdrehte Vile die Augen und deutete dem DJ mit einem Tippen des Zeigefingers an seiner Schläfe an, was er von dem Anrufer hielt.
    »Ich danke dir, Jonathan, für deinen netten Vortrag«, bemerkte DJ Napalm kopfschüttelnd. »Aber die Leitungen wurden für Anrufer freigeschaltet, die meinem heutigen Studiogast eine Frage stellen wollen. Also, Pater Jonathan, haben Sie eine Frage?«
    »Ja, ich habe eine Frage«, gab der Priester eindringlich zurück.
    »Dann bitte ich darum!«, meinte der DJ gelangweilt.
    »Warum habt ihr euch von Gott abgewandt? Was ist in eurem Leben falsch gelaufen, daß ihr die Kirche beschmutzt und auf dem Glauben guter Menschen herumtrampelt? Eure unmenschlichen Worte spotten jeder Beschreibung und erzürnen Gottes Gemüt. Warum dient ihr dem Teufel? Was kann er euch schon bieten?«
    »Nur eine Frage, bitte«, bemerkte DJ Napalm mit Nachdruck, worauf Vile abwinkte.
    »Schon gut. Ich bin hier, um Fragen zu beantworten. Also werde ich das auch tun. Pater Jonathan, ...«, Vile atmete tief durch, ehe er dem Priester antwortete: »Niemand von uns hat sich von Gott abgewandt. In unseren Texten behandeln wir Ereigniße, die zum Teil sogar schon einmal vorgekommen sind. Es sind Taten, zu denen Menschen tatsächlich fähig sein könnten. Wir rufen niemanden dazu auf, über einen Mord nachzudenken – ganz im Gegenteil. Mit derart grausamen Beschreibungen wollen wir unsere Mitmenschen davor warnen, nicht auf dieses Niveau herabzusinken. Sie sollen Haßgedanken, Rachepläne und so weiter mit unserer Musik abbauen. Warum ist es für die Kirche so schwer, das zu akzeptieren?«
    »Menschen, die so etwas tun, sind von Satan beseßen! Sie haben den Glauben an Gott verloren – so, wie ihr«, gab der Priester überzeugt zurück.
    »Unseren Glauben verloren? Pater, Sie sollten nicht behaupten, was Sie nicht wißen. Wir haben uns nie dazu geäußert. Aber Therror, zum Beispiel, glaubt an die Existenz Gottes, und er betet vor jeder unserer Shows. Sie sehen also, nicht der Teufel leitet uns und unsere Gedanken. Wir sind groß genug, um das ganz allein zu tun.«
    »Höret nur diesen Frevel! Ich werde euch in meine Gebete schließen und den Herrn um Gnade bitten, damit euch eure Augen aufgehen, und dann werdet ihr sehen. Satan hat von euch Besitz ergriffen und benutzt euch als Werkzeug. Erkennt dies, und ihr werdet ihn besiegen!«
    Vile wurden die Ausführungen des Priesters zu viel. In seiner Wut stand er auf und rief aufgebracht ins Mikrofon: »Jetzt hör mal zu, du Spinner! Wir haben nie jemandem Schaden zugefügt, und wer es jemals tun würde, wäre bei Morbid Killer nicht mehr willkommen. Verstehst du? Wir sind Musiker, keine Killer oder Satansanbeter. Unsere Musik dient der Unterhaltung. Das war's. Und damit verbitte ich mir derartige Vorwürfe gegen uns und unsere Fans.«
    DJ Napalm war kurz davor, das Gespräch zu beenden. Auf der anderen Seite waren Zwiegespräche wie dieses ein zusätzlicher Leckerbißen seiner eher brotlosen Arbeit, darum gewährte er dem Priester noch ein paar Sekunden Zeit.
    »Ich warne euch: Eines Tages werdet ihr erkennen, wie der Teufel mit euch spielt. Reue soll euer Leben zur Qual machen, oder der Herr wird euch ein für allemal vernichten. So soll es sein, so wahr mir Gott helfe.«
    Mit dem Ende des Satzes legte der DJ auf, ehe Vile etwas darauf erwidern konnte. Darum ließ sich dieser kopfschüttelnd zurück in den Stuhl fallen.
    »So wahr mir Gott helfe«, wiederholte DJ Napalm theatralisch die letzten Worte des Paters. »Wie auch immer! Es war ein sehr intereßantes… Gespräch... Zum Schluß des Interviews will ich noch kurz auf eure Tourneepläne zu sprechen kommen. Gestern Abend habt ihr bereits in Atlanta in einem ausverkauften Club gespielt. Morgen geht es im Overdose-Club weiter, und danach reist ihr durch die Staaten. Wie sehen eure weiteren Pläne aus?«
    »Richtig«, zögerte Vile, der sich nach dem Gespräch mit dem Geistlichen noch nicht ganz erholt hatte. »Zuerst wollen wir noch einmal unser Line-Up mit dem neuen Album live in den Staaten testen. Dafür hat uns unsere Booking-Agentur insgesamt dreizehn Shows gebucht. Dazwischen haben wir immer mal wieder einen Tag frei, um uns abzusprechen und gegebenenfalls Änderungen vorzunehmen – kurzum, wir wollen unseren Fans die bestmöglichste Show liefern. Nach den US-Gigs wollen wir ein paar Wochen durch Europa und Asien touren, bevor wir uns wieder ins Studio zurückziehen.«
    »Das klingt nach einem guten Plan, und natürlich drücke ich euch alle Daumen, damit eurer Vorhaben gut gelingt... So, das war's auch schon wieder mit unserem Special. Ich möchte mich herzlich bei dir, Vile, bedanken, daß du zu mir ins Studio gefunden hast. Natürlich auch viel Erfolg für die morgige Show im Overdose-Club. Showtime ist wie üblich um zehn. Wer keine Karten mehr ergattern konnte, sollte sich bereithalten, denn im Anschluß an den folgenden Song, werde ich 2 x 2 Karten für das Morbid Killer-Konzert verschenken. Also, dran bleiben Leute! Aber zuerst gibt es noch einen abschließenden Song von der Scheibe 13 Ways To Perish auf die Mütze. Los geht's mit Carnal Master Butcher, und danke nochmals, Vile Parasite!«
    »Put the pedal to the metal, guys!«, bemerkte Vile zum Schluß, ehe der DJ die Lautstärkeregler bis zum Anschlag nach oben schob.

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